Kniefall des Giganten

Rezension des Dokumentarfilms Long Shot Close Up von Jan Schmidt-Garre über Andreas Gursky. Veröffentlicht in Photonews 02/11 zum Erscheinen des Films auf DVD bei Arthaus. > Download PDF Version, ganzer Text auch unter dem Bild

Andreas Gursky ist bekannt für die Distanz seines Werkes zur Welt. Man kann sie kritisch nennen oder reserviert, auch abgehoben. Seine Arbeit 'Hamm, Bergwerk Ost' von 2008 setzt dagegen ein wohltuendes Zeichen der Nähe. Hier scheint nicht der vermeintliche Überflieger Andreas Gursky, der mit seiner 'Ocean'-Serie 2009/10 ein 'endzeitliches Menetekel' (Pressetext Sprüth Magers Berlin) von mittel- bis tiefblauer Eiseskälte entwirft, am Werk zu sein; sondern der Andreas Gursky, der mit 'Cheops' 2005 einer menschlichen Hochkultur und der damit verbundenen schweren Arbeit ein warmtöniges fotografisches Denkmal auf Augenhöhe gesetzt hat. Seinen allegorischer Akt des Kniefalls vor der schmutzreichen Arbeitskultur der Bergwerke hat der Regisseur Jan Schmidt-Garre in seinem 60 Minuten langen Film 'Long Shot Close Up' sorgfältig aufgezeichnet. Er bettet die Dokumentation der Entstehung des großen Hochformats 'Hamm, Bergwerk Ost' in den Rahmen fachkundiger und oft kritischer Kommentare von Hilla Becher, Werner Spies und des ukrainischen Kunstsammlers Victor Pinchuk ein. Von der ersten Begehung des Industrie-Motivs durch Andreas Gursky mit generalshaft hinterm Rücken verschränkten Armen bis zu den endgültigen, mit professioneller Disziplin durchgeführten Aufnahmen ist die filmische Handkamera intensiv dabei. Um die ihm angenehme Distanz zwischen sich und sein Objekt zu bringen, muss Andreas Gursky im Bergwerk Hamm-Ost fast in den Keller. Im Film sieht man ihn mit seiner großformatigen Kamera in den Umkleidesäalen (Kauen) auf halber Treppe nach unten stehen. Dennoch gelingt es ihm nicht, die für seine Bilder mittlerweile typische, weite Übersicht zu schaffen. Die Körbe mit den Bergmannsklamotten an der Decke der Schwarzkaue des Bergwerks scheinen nur wenige Armlängen entfernt über dem Betrachter zu hängen. Gursky führt den Blick nach oben. Die verdreckten Arbeitssachen, schweren Stiefel und abgegriffenen Taschen scheinen von dort ihre Alltagsgeschichten vielstimmig in den prallvollen Bildrahmen zu sprechen. Wie und warum die drei etwas verloren wirkenden Arbeiterfiguren in den theaterhaften Kettenvorhang unten ins Bild 'gestrickt' wurden und mit welchen digitalen Mitteln Andreas Gursky durch 'literarische' Verdichtung Vollbeschäftigung im deutschen Steinkohlebergbau rekonstruiert–davon erzählt Jan Schmidt-Garres Film ausführlich und dabei kurzweilig.

Die beschriebene Fotografie ist übrigens seit letztem Jahr historisch: im September wurde die Kohleförderung in der Stadt im nordöstlichen Ruhrgebiet endgültig eingestellt. Das Werk hat für den Sammler Victor Pinchuk wegen dieses Themas sentimentalen Wert. Davon erzählt der Kunstförderer und Unternehmer aus der noch schwerindustriell geprägten Ukraine zum Ende des Films. Er sammelt Gurskys Werke im großen Stil und hängt diese auf internationalen Wirtschaftskonferenzen als visuelle Thesen an die Wand. Für ihn stecken in einigen von ihnen Statements zum Zustand und zur Zukunft der Weltwirtschaft. Dies ist einer der Einblicke in die Mechanismen der globalisierten Märkte, die der Film anbietet. Der Kunstmarkt allerdings wird nicht direkt angesprochen.
Aber das Verhältnis von Kunst und Kapital wird intelligent thematisiert: die Bilder Gurskys faszinieren die Mächtigen dieser Welt, sie investieren darein gerne ihr oft aus schwarzem Gold gewonnenes Geld–und nichts anderes war die Kohle in Europa auch einmal; eng verbunden mit ganzen Lebenswelten, die wie im Fall des Ruhrgebiets erfolgreich zu postindustriellen Kulturlandschaften gewandelt wurden oder werden sollen. So spinnt der Film durch ein einziges Werk ein feines Geflecht aus Bezügen, die Gurskys exakten Blick auf die Welt und was sie 'im Innersten zusammenhält' (Goethe, Faust I) nachforscht. Die Nähe zur Literatur sucht Gursky selbst im Gespräch: 'Wenn man einen Ort gesehen hat, kann man ihn auch verbal beschreiben. In der Literatur ist dies eigentlich immer gültig, doch obwohl bestimmte Einzelheiten übertrieben oder dazu gedichtet wurden, kann Literatur als sehr wahrhaft wahrgenommen werden–auch wenn sie den Tatsachen nicht bis ins Detail entspricht. Bei der Fotografie fängt man direkt an zu monieren: das ist doch gar nicht so. Insofern ist es keine reine Fotografie, was ich mache.' Es ist die Perfektionierung von Erinnerung, die Gursky mit fotografisch-künstlerischen Mitteln erreichen möchte. Im Fall von 'Hamm, Bergwerk Ost' ist diese Rekonstruktion der Erinnerung an einen Ort besonders gut zu verfolgen (und Marcel Proust hätte ihm dabei sicher mit Interesse über die Schulter gesehen).

Auch 'Ehr' und Herrlichkeit der Welt' (Faust I, gleiche Strophe wie oben), die Andreas Gursky für seine Kunst in Form von Auszeichnungen und institutionellen Ausstellungen in den letzten Jahren oft und ausführlich zu Teil wurden, zeigt Jan Schmidt-Garre mit den Mitteln des distanziert und doch teilnehmend beobachtenden Dokumentarfilms. Der Künstler selbst kommt im Hauptfilm und in einem in sich geschlossenen, 40-minütigen DVD-Extra-Interview ausführlich und mit der ihm eigenen, sehr angenehmen Bedachtheit zu Wort. Der Filmemacher ebnet hier mit kompetenten Fragen zur Biografie einen Weg zum tieferen Verständnis eines der komplexesten und vielschichtigsten Schaffenswerke der zeitgenössischen Fotografie. Im Interview erzählt Andreas Gursky von seinem Werdegang, seinen Überzeugungen und Einstellungen. Die sehr verschiedenartigen Einflüsse auf Person und Werk während des Studiums in Essen und Düsseldorf werden angesprochen und tragen weiter zum Erkennen anregender Aspekte bei. Auch wichtige werk-strategische und technische Fragen werden nicht ausgeklammert. Es sind globale Einsichten, die der Film und das Gespräch anbieten. Doch die Qualität dieser Film-DVD steckt wie in Gurskys Werk auch und gerade im Detail–sie wird so ihrem Subjekt formal wie inhaltlich gerecht und damit absolut sehenswert.

Horst Kløver, Berlin 2011