Editionen Kunst & Design

Text zu Editionen der Künstler Rikrit Tiravanija, Zaha Hadid (Serpentine Gallery), John Baldessari und Peter Doig (Editionen Sabine Knust) in der Lumas Galerie. PDF.

 


Das Schloss von Versailles, fotografiert von Reinhard Görner (Text unten, Link zur Website).

Versailles – Larger than life

Ein Renaissance-Porträt galt als gelungen, wenn eine dargestellte Person nicht nur anhand ihrer äußeren Züge wieder zu erkennen war, sondern auch, wenn es der Porträtmaler fertig brachte, mit seinem Pinsel die „Persona“, also die Persönlichkeit des Porträtierten, zu erfassen. Eine ganz ähnliche Herausforderung stellt sich der Architekturfotografie, geht es doch darum, die individuelle Ausstrahlung eines Gebäudes, sei es sein Inneres oder sein Äußeres auf dem Fotopapier zu fixieren. Dazu braucht es den Blick des Fotografen, der die architektonischen Formen wie die Gesichtszüge eines Porträtierten zu erkunden weiß. Sind diese Formen auch nicht mit menschlichen Maßstäben messbar, geht es doch immer um ein Raumgefühl, das es dem Betrachter ermöglicht, mit der Architektur in Verbindung zu treten. Reinhard Görners Fotografien der Prunksäle des Schlosses von Versailles versuchen nicht bloß die barocken Räume in ihrem Detailreichtum zu erfassen, sie lassen den Ort zum Betrachter sprechen. Unter Verzicht von verzerrenden Weitwinkel-Objektiven setzt Görner mit seiner Großbildkamera die überdimensionalen Säle in Szene, als seien es Charakterstudien. Behutsam beschneiden die Bildränder die Rundbögen und Kassettendecken, die sich über dem Auge des Betrachters fortzusetzen scheinen. Gerade die Auswahl des Bildausschnitts setzt die individuelle Kraft der Orte frei. Für den Betrachter sind diese Säle Versailles‘ beides: weitläufig und nah zugleich. Der Blick kann schweifen oder an Details verweilen, die Präsenz der Räume ist dabei stets Teil des individuellen Sehgenusses. Bisweilen öffnen die Fotografien ein Tor zu einer anderen Welt und nehmen den Betrachter mit auf eine Zeitreise. Das Schloss ist hier nicht mehr Museum, sondern königliche Residenz und geschichtsträchtiger Ort. Der Betrachter muss die Säle nicht mit Besuchermassen teilen, ihm bieten sich exklusive Eindrücke des Spiegelsaals (Galerie des Glaces) und der Schlachtengalerie (Galerie des Batailles), wie sie vermutlich nicht einmal den Königen Frankreichs vergönnt waren. Die Säle sind leer, jedoch scheint sich so deren individueller Charakter auf besondere Weise entfalten zu können. Zu dem in den Fotografien festgehaltenem Erscheinungsbild gehört auch, dass diese Orte Geschichte atmen. Im Spiegelsaal wurde König Wilhelm von Preußen zum deutschen Kaiser Wilhelm I. ernannt, nachdem Frankreich im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 besiegt wurde. Auch der Versailler Friedensertrag wurde dort nach dem ersten Weltkrieg unterzeichnet. Und so haben diese Architekturfotografien der Prachtsäle Versailles‘ einem Renaissance-Gemälde etwas voraus: Hier kann im Betrachter ein Gefühl der Weltgeschichte entstehen, die bis heute fortwirkt.

 


Künstleredition von Rosenthal bei Lumas (2008):

Rhythmische Erinnerung.

Pieke Bergmans geht mit geschärftem Geschichtsbewusstsein an die gestalterische Arbeit. Sie bezeichnet ihre Vase Reunion als einen "Stapel der Historie". Der vielfach preisgekrönten holländischen Designerin fällt es leicht, Gegenstände für die Zukunft aus Teilen der Vergangenheit zu entwickeln: "Wenn man fähig ist, mit den Vorzügen der Vergangenheit zu spielen, hat man einen endlosen Vorrat an Möglichkeiten und überliefertem Wissen, ja auch echter Weisheit - ein bewundernswerter Schatz." Dieser Schatz liegt mit Sicherheit in der Geschichte der Traditionsmanufaktur Rosenthal. Pieke Bergmans zitiert dezent aus dem unendlichen Fundus der Formen abendländischer Porzellankultur, fügt mit zarter Hand Schale in Schale, verbindet rhythmisch Oberflächen, die so noch nie zusammen gesehen und gefühlt wurden, und doch bleibt sie dem Alltagsgegenstand verbunden – damit schafft sie mit Reunion für Rosenthal ein verblüffend zukunftsweisendes Design.

Ich habe von 2006 bis 2009 einen Großteil der Texte für die Kataloge von Lumas verfasst, Englisch und Deutsch (> Download PDF des Lumas Magazins 2008).