Texte zu Editionen Kunst & Design

Ich habe von 2006 bis 2009 einen Großteil der Texte für die Verkaufsprospekte von Lumas und für die entsprechenden Websites verfasst – in Englisch und Deutsch (> Zum Download einer – auch im Browser sehr gut lesbaren – PDF-Version des Lumas Magazins 2008, alle Texte im Katalogteil von mir). 

Beispiel zu einer Künstleredition von Rosenthal bei Lumas (2008):

Rhythmische Erinnerung.

Pieke Bergmans geht mit geschärftem Geschichtsbewusstsein an die gestalterische Arbeit. Sie bezeichnet ihre Vase Reunion als einen "Stapel der Historie". Der vielfach preisgekrönten holländischen Designerin fällt es leicht, Gegenstände für die Zukunft aus Teilen der Vergangenheit zu entwickeln: "Wenn man fähig ist, mit den Vorzügen der Vergangenheit zu spielen, hat man einen endlosen Vorrat an Möglichkeiten und überliefertem Wissen, ja auch echter Weisheit - ein bewundernswerter Schatz." Dieser Schatz liegt mit Sicherheit in der Geschichte der Traditionsmanufaktur Rosenthal. Pieke Bergmans zitiert dezent aus dem unendlichen Fundus der Formen abendländischer Porzellankultur, fügt mit zarter Hand Schale in Schale, verbindet rhythmisch Oberflächen, die so noch nie zusammen gesehen und gefühlt wurden, und doch bleibt sie dem Alltagsgegenstand verbunden – damit schafft sie mit Reunion für Rosenthal ein verblüffend zukunftsweisendes Design.

 

Beispiel eines in Englisch verfassten Texts zu Editionen der Künstler Rikrit Tiravanija, Zaha Hadid (Serpentine Gallery), John Baldessari und Peter Doig (Editionen Sabine Knust). Hier das PDF dazu.

 

Text online über das Schloss von Versailles, fotografiert von Reinhard Görner (Text unten, Link zur Website).

Versailles larger than life

Ein Renaissance-Porträt galt als gelungen, wenn eine dargestellte Person nicht nur anhand ihrer äußeren Züge wieder zu erkennen war, sondern auch, wenn es der Porträtmaler fertig brachte, mit seinem Pinsel die „Persona“, also die Persönlichkeit des Porträtierten, zu erfassen. Eine ganz ähnliche Herausforderung stellt sich der Architekturfotografie, geht es doch darum, die individuelle Ausstrahlung eines Gebäudes, sei es sein Inneres oder sein Äußeres auf dem Fotopapier zu fixieren. Dazu braucht es den scharfen Blick des Fotografen, der die architektonischen Formen wie die Gesichtszüge eines Porträtierten zu erkunden weiß. Sind diese Formen auch nicht mit menschlichen Maßstäben messbar, geht es doch immer auch um ein Raumgefühl, das es dem Betrachter ermöglicht, mit der Architektur in Verbindung zu treten. Reinhard Görners Fotografien der Prunksäle des Schlosses von Versailles versuchen nicht bloß die barocken Räume in ihrem schieren Detailreichtum zu erfassen, sie lassen den Ort zum Betrachter sprechen. Unter Verzicht von verzerrenden Weitwinkel-Objektiven setzt Görner mit seiner Großbildkamera die überdimensionalen Säle in Szene, als seien es Charakterstudien. Behutsam beschneiden die Bildränder die Rundbögen und Kassettendecken, die sich über dem Auge des Betrachters fortzusetzen scheinen. Und gerade die Auswahl des Bildausschnitts setzt eine individuelle Kraft der Orte frei. Für den Betrachter sind diese Säle Versailles‘ beides, weitläufig und nah zugleich. Der Blick kann schweifen oder an Details verweilen, die Präsenz der Räume ist dabei stets Teil des individuellen Sehgenusses. Bisweilen öffnen die Fotografien Görners ein Tor zu einer anderen Welt und nehmen den Betrachter mit, auf eine Zeitreise. Das Schloss ist hier nicht mehr Museum, sondern königliche Residenz und geschichtsträchtiger Ort zugleich. Der Betrachter muss die Säle nicht mit Besuchermassen teilen, ihm bieten sich exklusive Eindrücke des Spiegelsaals (Galerie des Glaces) und der Schlachtengalerie (Galerie des Batailles), wie sie vermutlich nicht einmal den Königen Frankreichs vergönnt waren. Die Säle sind leer von Menschen, jedoch scheint sich so deren individueller Charakter auf besondere Weise entfalten zu können. Zu dem in den Fotografien festgehaltenem Erscheinungsbild gehört auch, dass diese Orte Geschichte regelrecht atmen. Im Spiegelsaal wurde König Wilhelm von Preußen zum deutschen Kaiser Wilhelm I. ernannt, nachdem Frankreich im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 besiegt wurde. Auch der Versailler Friedensertrag wurde dort 1919, nach dem ersten Weltkrieg, unterzeichnet. Und so haben diese Architekturfotografien der Prachtsäle Versailles‘ einem Renaissance-Gemälde doch auch etwas voraus: Hier kann im Betrachter gar ein Gefühl der Weltgeschichte entstehen, die bis in die heutige Zeit fortwirkt.

Horst Kløver