Der Artikel auf den Seiten 66-67 in ARTINVESTOR 03/2010, Originaltexte unter dem Bild.

 

Emerging Artists / Fotografie aus Zentral- und Osteuropa

von Horst Kløver

Die Messe Paris Photo bereitet sich auf vielfältige Ehrengäste in diesem Herbst vor: Dieses Jahr sind die Länder Osteuropas geladen, ihre Talente und Klassiker auf der weltweit wichtigsten Galerieschau für Fotografie vorzustellen. Auf den Festivals und in den Galerien Polens, der Slowakei, Tschechiens und Ungarns konnte man in den letzten Jahren viel versprechende Arbeiten entdecken. Viele junge Künstler haben sich frei gemacht von der Last des Wandels der letzten zwei Jahrzehnte und sprechen heute mit freien, selbstbewussten Stimmen - vier davon stellen wir hier vor:

Adam Panczuk setzt den Menschen Ostpolens fotografische Denkmäler, indem er sich mit ihnen gemeinsam Inszenierungen ihrer Erdverbundenheit und ganz persönlicher Geschichten ausdenkt. So schafft er Bilder, die von den Mythen vergangener Zeiten durchdrungen sind, dabei klassisch, aber nie antiquiert anmuten. Er gehört zu seinen Zielen, das Image der kulturell reichen, aber etwas abgelegenen Gegend um Lublin positiv und nachhaltig zu verändern.
Adam Panczuks Bilder der begnadeten Selbstdarsteller finden seit kurzem internationale Anerkennung. Die rührige Galerie Yours in Warschau vertritt ihn und sein Werk, das in diesem Jahr auch in Paris in der Galerie Particulière vom 6. Mai bis zum 20. Juni zu sehen sein wird und zuletzt beim Magnum Expression Award lobend erwähnt wurde. Sein groß angelegtes Projekt in Ostpolen geht weiter, es umfasst auch zahlreiche szenische Bilder aus Open-Air-Dorftheatern und die Dokumentation der Veränderungen auf dem Land, das in seinen Porträts so faszinierende Blüten treibt.

Bildlegende: Karczeby, 2008, 60x60 cm, Inkjet Archival Print, Auflage 5+1 AP

Galerie: Yours Gallery Warschau, Polen
Kontakt: www.yoursgallery.pl (Paris: www.lagalerieparticuliere.com)
Preise: ab 430 Euro



Den buchstäblichen Sturm im Wasserglas entfacht der Ungar Dezső Szabó in seinen inszenierten, großformatigen Fotografien. Er verfolgt dabei eine ähnliche Strategie wie Thomas Demand und baut Modelle der Realität, die, wenn abgelichtet, wieder zerstört werden. Dezső Szabó greift auf eine große Palette optischer Tricks zurück, um seine Bilder von Naturerscheinungen, Katastrophen und Tatorten echter als echt erscheinen zu lassen. Nicht nur Pappe, sondern auch Pelz, Sand in einem Wasserstrudel im Aquarium oder Modellbauzubehör gehören zu den Materialien seiner Kunst. Nur ein Hilfsmittel versagt er sich: Die digitale Nachbearbeitung seiner Aufnahmen. So hinterfragt er die Nachrichtenbilder, deren Echtheit und Gültigkeit auf spielerische Weise und schafft es, seine Inszenierungen beklemmender wirken zu lassen als den alltäglichen, medial aufbereiteten Terror, der uns umspült. In der Heimat Robert Capas hat Dezső Szabó damit schon viel Anerkennung erfahren, sein Werk wird von der etablierten Galerie Vintage in Budapest vertreten, die regelmässig zur Paris Photo geladen wird.

Bildlegende: Features of the Ground / Domborzat II/II, 2003, 100x73cm, C-print, Auflage 3

Galerie: Vintage Galéria Budapest, Ungarn
Kontakt: www.vintage.hu
Preise: ab 1200 Euro



Tereza Vlčková ist die Meisterin der Bilder einer Kindheit, die zum Träumen einladen und dabei ein wenig verwundern. Wie in den Märchen, an denen Tereza Vlčkovás tschechische Heimat mehr als reich ist, findet man Schönheit und Wunder gleich neben dem Abgrund. In mehreren raffiniert ausgeleuchteten und choreografierten Serien führt sie uns in weite Landschaften und Wälder, die von aparten Wesen bevölkert sind. Altmeister Josef Sudek hat schon hier fotografiert, wo jetzt Tereza Vlčková junge Frauen durch Licht und Luft wirbeln lässt oder Kinderzwillinge vor dunklem Waldgrund den Betrachter fixieren, als wollten sie ihn von der Galeriewand weg verzaubern. Bezeichnend für die fast schon zeitlose Qualität ihrer Arbeiten ist, dass Tereza Vlčková in der Pariser Galerie Lefebvre ausstellt. Hier steht ihr Werk neben dem feinfühliger Fotografen des frühen 20. Jahrhunderts wie Jacques Henri Lartigue oder Frantisek Drtikol und Klassikern des Art Deco.

Bildlegende:
Perfect Day, Elise... #3, 2007, 108x108cm, Digital Print auf Hahnemühle Papier, Auflage 10

Galerie: Gallery Lefebvre, Paris, Frankreich
Kontakt: www.gallery-lefebvre.com
Preise: auf Anfrage


 

In einer ihrer stärksten Arbeiten vollführt Agneta Grzeszykowska einen Striptease, der ihren Körper nicht enthüllt, sondern aus tiefem Schwarz auftauchen, verschwinden und zum klassischen Torso werden lässt. In ihren fotografischen Arbeiten ist der performative Umgang dieser starken Frau mit ihrer eigenen Existenz und ihrem Körper in spannend konstruierten Situationen der Illusion Thema. So löscht sie sich mit digitalen Mitteln aus einem Fotoalbum ihrer Kindheit aus oder nimmt in ihrem Projekt "Untitled film Stills" die Identität ihrer Kollegin Cindy Sherman an, reinszeniert deren 70 berühmte Selbstporträts und erzählt so aus dieser Perspektive auch vom Alltag in Polen. Sie ist schon seit einigen Jahren solo oder im Team mit ihrem Künstlerkollegen Jan Smaga durch ihrer Galerie Raster auf Messen wir der Frieze Art Fair, London, oder der Art Basel Miami Beach vertreten und stellt auf internationalem Niveau aus.

Bildlegenden:
Striptease, 2008, C-print Dibond gerahmt, 25 x 93 cm, Auflage 15 + 2 AP

Untitled Film Stills #3, 2006, aus einer Serie von 70 Fotografien, C-print ungerahmt, jeweils ca. 20x25 cm, Auflage 7 + 2 AP,

Galerie: Raster Galerie, Warschau, Polen
Kontakt: www.raster.art.pl
Preise: ab 900 Euro