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Die Passagen von Paris

Als die lukrativste Art, die Pariser zum Flanieren einzuladen, galten den Bauherren des Paris vor der Ära Haussmann die überdachten Passagen. Sie verbinden die Straßen elegant, regensicher und reizvoll, Laden reiht sich an Laden, das Licht des Himmels zeigt die Güter der Erde, vom historischen Stock mit beinernem Knauf in Form eines Löwenkopfes bis zum Bollywood-Video von heute.

Diese ersten Einkaufspassagen wurden ab 1850 vom großangelegten Umbau der Stadt und den großen Kaufhäusern verdrängt. Von den damals 150 Wandelgängen sind nur eine Handvoll geblieben. Die heutigen Passagen zeigen den Wandel der Metropole Paris auf, gediegener Charme wechselt mit Schäbigkeit, düstere Verlockungen mit den Erscheinungen der modernen multikulturellen Stadt. Eine der Passagen des 3. Arrondissements ist fest im Besitz indischer Restaurantbetreiber und die Passage Brady, die die Rue St. Denis mit dem Boulevard Sebastopol verbindet, erinnert an einen Basar, hier heißt der Coiffeur Raja, die Übernachtung im Hotel auf Höhe des Glas-daches kostet keine 30 Euro und die Uhren in den neonhellen Auslagen zeigen nicht nur schnöde die Zeit an, sondern rufen auch zum muslimischen Gebet - per elektronischer Weckfunktion fünf Mal am Tag.

Louis Aragon, großer Surrealist, dann über-zeugter Kommunist und eine der schillerndsten Dichterfiguren der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts, wäre begeistert über diese und tausend andere kleine Entwicklungen. Seine Streifzüge durch die überdachten Dörfer in der Stadt nannte er Pariser Landleben, eine kritisch-poetische Bestandsaufnahme von Paris. Hier fand der Nachtschwärmer Inspiration bei Huren und Händlern obskurer Dinge, sowie der kritische Geist Nahrung im Aufbegehren der Kleinbürger gegen Abrisspläne städtebaulicher Großmannssucht, denen so manche der Passagen im Weg waren.

Die Prostituierten gibt es noch, in der Rue St. Denis, die Gänge in den Häusern geben ihrem Gewerbe Rückendeckung. Sie werben heute still, sie dürfen nicht mehr wie in den wilden Dreißigern aktiv auf den Mann zugehen. So kann man unbehelligt an den Pelzträgerinnen vorbei in die abgehalfterten Verbindungsgänge entweichen, um abseits des Treibens in einer stillen Nebenstrasse wieder aufzutauchen - geniale Fluchtwege, die allerdings nachts geschlossen werden, um das Gröbste zu verhindern.
Die Passage de Caire ist voll billiger Mode, die das Label Paris trägt, Läden voll halbseidenem Tand reihen sich hier auf, dazu Scharen von Trägern, die mit ihren zusammengeflickten Sackkarren Stoffe von verbeulten Lieferwägen zu den Schneidern befördern. Tagelöhner aus Afrika und Pakistan, armenische Tuch-händler, dazwischen neugierige Touristen - hier trifft sich die Welt.
Feiner geht es zu an den Grands Boulevards: In den Passagen des Panoramas, Jouffroy und Verdeau locken Antiquitätengeschäfte, Maßschneider und Hutmacher ins Halbdunkel. Bücher in endlosen Auslagen, Schmuck und stilvolle Brasserien lassen die Zeit vergessen. Hier flaniert Tout Paris gerne wie damals, ein Hauch von Eleganz durchweht die schmalen Hallen des Konsums, hier hängen noch Dichter den Visionen von Meerjungfrauen nach, die hinter Schaufensterscheiben im grün leuchtenden Absinth tauchen, hier könnte Louis Aragon erscheinen, der kleine Mann mit Stock und Hut. Er tippt kurz zum Gruß an die Krempe, lächelt und treibt davon, in einem der Menschenaquarien seines geliebten Paris.

Horst Kløver, 2009

 
 
Pictures taken 2008
Please contact Horst Kloever for detailed captions and translation.